25. November 2020
Johannes Kahrs

Tja: Ausgetraumschönt

von Daniel Reitzig
6. Mai 2020

Dass SPD-Mitglied Johannes Kahrs mit einem Knall von seinem Bundestagsmandat zurücktritt, ist natürlich seine persönliche Entscheidung. Wenn er das mit seiner Nichtwahl zum nächsten Posten erklärt, auch. Seine Wähler in Hamburg aber haben ihn gewählt, damit er sie für vier Jahre vertritt.

Der Beamtenverband VBOB schickte im März ein Schreiben an alle MdB und Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung. Kahrs verhelfe „seit Jahren Personen aus seinem Umfeld zu einer Festanstellung in unserer Verwaltung“ – und zwar am Personalrat vorbei.

Kahrs hat Hamburger Jusos indoktriniert, intern gegen linke Jusos vorzugehen. Über Praktika schuf er ein System von Abhängigkeiten, wo später immer wieder Gefälligkeiten ausgetauscht wurden. Wer besonders eifrig folgte, durfte zum Praktikum nach Berlin.

Die Hamburger SPD war lange gespalten in Gegner und Gefolgsleute von Kahrs. Parteigremien tagten zum Teil hinter verschlossenen Türen, um keine „Kahrs-Spione“ im Raum haben zu müssen.

In Hamburg saß Kahrs 18 Jahre im Jugendhilfeausschuss. Nach dem Tod einer Elfjährigen, die bei ihren drogenabhängigen Pflegeeltern an einer Methadon-Vergiftung gestorben war, trat er zurück. Bis dahin hat er ebenfalls Gefolgsleute mit Posten im Bezirksamt versorgt.

Doch auch in anderen Hamburger Wahlkreisen und Intrigen mischte Kahrs wahrscheinlich mit. In Hamburg-Nord sorgten nach Medienberichten 2016 zwei seiner damaligen Mitarbeiter, beide Jusos, dafür, dass sich der Jugendverband vor Ort für den Genossen und Immobilien-Millionär Maximilian Schommartz einsetzten. Dieser fuhr damals eine Schmutzkampagne gegen Dorothee Martin, die ironischerweise nun für Kahrs in den Bundestag nachrückt.

Während Kahrs im #Bundestag stets kraftvoll gegen die #noAfD austeilte, hielt er 2015 bei einem Treffen aller Hamburger Burschenschaften zu Ehren Otto von Bismarcks eine Festrede mit dem Titel „Zuwanderung – Deutschlands Grenze erreicht?“.

Ein Jahr vorher war das Treffen ausgefallen, weil sich die Veranstalter weigerten, sich von Neonazis in ihren Reihen zu distanzieren. Bismarck war bekannt als Eiserner Kanzler, unter dessen Sozialistengesetzen Sozis gejagt und geächtet wurden. Für Kahrs offenbar kein Problem.

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Für seinen Wahlkampf im Jahre 2006 gab Kahrs etwas 50 000 Euro aus. Pikant: Zwischen 2004 und 2005 spendeten Rüstungsfirmen bis zu 60 000 Euro an seinen SPD-Kreisverband Hamburg-Mitte. Später wurde Kahrs im Haushaltsausschuss zuständig für einen Rüstungsdeal mit Panzern. An diesem Waffengeschäft beteiligte Firmen hatten 90 Prozent der Summe an den Kreisverband von Kahrs aufgebracht. Dieser bestritt jedoch einen Interessenskonflikt.

Eine SPD-Konkurrentin erhielt 1992 nächtliche Drohanrufe. Bei einem wurde ihr gesagt „Ich krieg’ dich, du Schlampe“. Danach registrierte die Polizei zwei weitere nächtliche Anrufe, welche hierbei der Nummer von Kahrs zugeordnet wurden. Vor Gericht stritt er die Drohung ab.

Beim System Kahrs ging es vor allem um Posten und Macht. Als oberster Haushälter verteilte er seit 2013 regelmäßig Millionen an Steuergeldern an Gefolgsleute. Auf diese Weise sicherte er sich politische Abhängigkeiten und erweiterte sein Netzwerk.

Unbestritten sind lediglich #Kahrs Verdienste für Lesben und Schwule. Klar ist aber auch, dass #Kahrs ansonsten stets weit von den zentralen Werten der Sozialdemokratie seinen eigenen Interessen folgte. Um Freiheit, Gleichheit und Solidarität für alle ging es nie.

So ist die Lage.

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