Die unsozialen Netzwerke

Wir bewegen uns täglich in ihnen. Doch was bewegen die angeblich sozialen Netzwerke eigentlich in uns? Sind Plattformen wie Facebook oder Twitter geeignet, kritische Massen zu sozialen Protestbewegungen zu formieren?

Das soziale Medien das subjektive Wohlbefinden senken, ist längst erforscht. Auch die Auseinandersetzungen in diversen Facebook-Gruppen von aufstehen und anderen politischen Zusammenhängen haben gezeigt, wie schnell sich Frust über persönliche Lebensumstände in Hatespeech und Mobbing entladen kann. Ziele der Anfeindungen wurden jedoch nicht die tatsächlich für soziale Ungleichheit, weltweite Aufrüstung und Zerstörung des Planeten Verantwortlichen, sondern Dritte.

Es wäre jedoch zu vereinfachend, in den Netzwerken lediglich die Fortsetzung von Streitereien an den Stammtischen der Republik zu sehen. Der Historiker Niall Ferguson sieht Plattformen wie Facebook klar als Gefahr für die Demokratie.

“Jedes Netzwerk fordert seine User zur Teilnahme auf, und dort kriegen Sie umso mehr Aufmerksamkeit, je auffälliger Sie sich zu Wort melden. Mit anderen Worten, je größer der Blödsinn, umso größer die Chance, dass er viral geht. Mit jedem emotionalen oder moralisch besetzten Wort in einem Tweet steigen die Chancen der Weiterverbreitung um zwanzig Prozent.”

Nicht konstruktives und am Gemeinwohl orientiertes Verhalten wird also verstärkt, sondern Angriffslust und Frustentladung. Plattformen wie Facebook sind damit keine blühende Landschaft demokratisierter Kommunikation, sondern Monopolisten in Sachen Daten und Aggregatoren in Sachen Aggression. Die Aufmerksamkeitsökonomie des Kapitalismus findet damit im Netz ihre Entsprechung. Doch ist das Verhalten genau dieser Konzerne, welches letztlich zu drastischen Einschränkungen in der digitalen Bewegungsfreiheit führen kann.

Vom Traum demokratischer Netze jedenfalls scheint die Gesellschaft weiter entfernt, als je zuvor. Die nur scheinbar sozialen Netzwerke verhindern gezielt, dass Menschen sich mit dem Zustand jener Gesellschaften auseinandersetzen, in denen sie leben. Darüber können auch internetbasierte organisierte und kostenfreie Nachbarschaftsinitiativen nichts ändern, wie Butollo & Kalff (2017) feststellen. Konflikte zwischen Netzwerken und Hierarchien bleiben den Autoren nach ebenso ausgeblendet, wie Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit.

Demokratie auf dem Rückzug

Systemische Kritik, wie sie aus Strukturen heraus geäußert werden, die selbst kapitalistischer Verwertungslogik unterliegen, muss deshalb zwingend immer verkürzt bleiben. Dies gilt gerade auch für Medien, denen eigentlich eine Kontrollaufgabe innerhalb von Demokratien zukommt. So unterstellt Sommer (2019) zwar eine Zunahme des weltweiten Autoritarismus, erkennt auch die wohl größere Gefahr der Zerstörung demokratischer Systeme von innen heraus, benennt jedoch nicht die Hauptursache dieses Zerfalls: den Kapitalismus.

Diesen Zusammenhang haben beispielhaft Kocka und Merkel (2015) untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass es eine erhebliche Spannung zwischen “eingebetteter Demokratie” und Kapitalismus gibt:

“Die Spannung zwischen ihnen entfaltet sich vor allem aus ihrer unterschiedlichen Haltung gegenüber Gleichheit und Ungleichheit. Das Maß an Ungleichheit, das für Kapitalismus konstitutiv und produktiv ist, ist mit dem demokratischen Prinzip der gleichen politischen Rechte und Partizipationschancen nur schwer vereinbar.”

Wenn Sommer (2019) also postuliert, Demokratie müsse täglich neu erkämpft werden, muss hier ergänzt werden: es braucht eine demokratiekonforme Alternative zum Kapitalismus.

Aufgrund des genannten Attributs fällt ein Land wie China in dieser Hinsicht aus. Die sich selbst als kommunistisch bezeichnende Weltmacht treibt den Ausbau von Überwachung und sozialer Kontrolle im Dienste der wirtschaftlichen und geopolitischen Wachstums mit aller Macht voran. Soziale Kreditpunkte sollen die Bürger zu konformem Verhalten zwingen. Diese Konformität endet jedoch nicht bei der Einhaltung geltender Gesetze. Systemkritik führt ebenso zu Punktabzug und damit bereits jetzt zu ganz realen Schwierigkeiten in den privaten Leben der Menschen.

Der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Prof. Gerd Gigerenzer, rechnet zwar nicht damit, dass in der Bundesrepublik seitens des Staates ein ähnliches System eingeführt werden könnte. Es sei jedoch denkbar, dass es profitgetriebene Konzerne sein könnten, die eine solche Idee in Zukunft umsetzten.

Klimaschutz allein reicht nicht

Jüngst entstandene Bewegungen, wie etwa Fridays for future sind erfreulich. Welchen Effekt sie langfristig jedoch haben, bleibt abzuwarten. Es ist anzunehmen, dass die Schülerproteste wieder abflauen werden, sobald sich die Erkenntnis der fehlenden Machtperspektive gegenüber der Freude über mediale Aufmerksamkeit Bahn gebrochen hat. Die Schüler berühren dabei eine ganz wichtige Frage: ob und wie wir leben wollen. Dafür werden sie bereits massiv seitens des Kapitals und ihrer Handlanger bekämpft.

Es ist also zu überlegen, zu überlegen, wie sich das Bündnis zwischen den Schülern und den Älteren aufrecht erhalten lässt und wie immer wieder auf diese Frage aufmerksam gemacht werden.

Die gesellschaftliche Bewusstlosigkeit gegenüber den drastischen Folgen fehlenden Handelns in Sachen Klimawandel sowie aufziehendem sozialen Unfrieden muss durchbrochen werden. Bisher fehlt dafür allerdings der politischen Linken die Erfüllung der entscheidenden Bedingung: Einigkeit.

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