Saul Alinksy: Rules for Radicals

In der politischen Organizing-Community wird gern auf das Buch Rules for Revolutionaries von Becky Bond und Zack Exley verwiesen. Lange vor diesem modernen Klassiker legte jedoch Saul Alinksy die Grundlagen des Big Organizing mit seinem Werk Rules for Radicals. Obama war Schüler des Kommunisten Alinsky, Hillary Clinton schrieb ihre Abschlussarbeit an der Universität über Alinskys radikale Thesen. Selbst US-Präsident Trump ließ sich in seinem Wahlkampf von diesem Wissen profitiert. Worum geht es bei diesen Regeln für Radikale?

Der US-Amerikaner Alinksy legte mit seinen Arbeiten den Grundstein für das so genannte Big Organizing, also der Entwicklung von Massenorganisationen für politische Zwecke. Die Gesellschaft war für ihn gespalten in die Vermögenden (Haves), die Mittelklasse (Have-little-want-more) und die Armen, das Prekariat (Have-nots). Um den Have-nots wirksame Methoden an die Hand zu geben, entwickelte er seine 13 Regeln, die Rules for Radicals. Um politische Veränderungen herbeizuführen, sollten sich Organisationen an diese Grundsätze halten.

Daneben waren für Alinksy drei Dinge entscheindend. Ein gemeinames Symbol, hinter welchem sich die Masse versammeln konnte (symbol construction), einen gemeinsamen Gegner (common enemy) sowie Aufgaben für die Unterstützer (direct action). Unter Symbol konnte auch ein Claim (vgl. Obama: Change we can believe in), ein gemeinsamer Wert oder gar eine geografische Region (vgl. Großbritannien beim Brexit) verstanden werden.

Rules for Radicals – Die 13 Regeln

1. “Power is not only what you have, but what the enemy thinks you have.”

Macht ist nicht nur das, was Du hast, sondern auch das, was der Gegner denkt, dass Du hast. Macht speist sich in der Regel aus zwei Komponenten: Geld und Mitstreiter. Die Unterprivilegierten ohne Geld sind also umso mehr darauf angewiesen, viele Unterstützer zu versammeln – und diese nach noch mehr aussehen zu lassen.

2. “Never go outside the expertise of your people.”

Verlasse niemals Deinen Kompetenzbereich. Denn außerhalb dessen besteht die Gefahr, dass sich Verwirrung, Angst oder gar Rückzug ausbreiten.

3. “Whenever possible, go outside the expertise of the enemy.”

Bringe Deinen Gegner daher folgerichtig aus seinem Kompetenzbereich. Lass ihn sich unsicher fühlen, was sein Wissen betrifft.

4. “Make the enemy live up to its own book of rules.”

Bringe Deinen Gegner dazu, sich an die eigenen Regeln zu halten. Wenn eine Regel lautet, dass jeder Brief eine Antwort erhält, so schreibe tausende Briefe. Niemand kann sich immer an seine eigenen Regeln halten.

5. “Ridicule is man’s most potent weapon.”

Empörung ist die schärfste Waffe einer Gruppe. Dagegen gibt es keine rationale Veteidigung, weil Empörung selbst irrational ist.

6. “A good tactic is one your people enjoy.”

Eine gute Taktik macht Deinen Mitstreitern Freude. Auf diese Weise bleiben sie dabei und bringen sogar eigene Ideen mit ein.

7. “A tactic that drags on too long becomes a drag.”

Eine Taktik, die sich sich zu lange hinzieht, raubt Kraft und den Willen zur weiteren Unterstützung.

8. “Keep the pressure on. Never let up.”

Erhalte stets den Druck aufrecht. Niemals nachgeben. Versuche stets neue Methoden, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Hat er sich an eine Deiner Vorgehensweisen gewöhnt, verwirre ihn mit einer anderen.

9. “The threat is usually more terrifying than the thing itself.”

Die Bedrohung wirkt normalerweise größer, als ihr Ursprung selbst.

10. “The major premise for tactics is the development of operations that will maintain a constant pressure upon the opposition.”

Das Hauptprinzip jeder neuen Taktik muss die Aufrechterhaltung des konstanten Drucks sein.

11. “If you push a negative hard enough, it will push through and become a positive.”

Unfaire Angriffe des Gegners können die Öffentlichkeit auf Deine Seite ziehen. Denn die Masse hält in der Regel zum Unterlegenen.

12. “The price of a successful attack is a constructive alternative.”

Wenn Du ein Problem ansprichst oder etwas kritisierst, stelle sicher, dass Du eine konstruktive Lösung anbieten kannst.

13. “Pick the target, freeze it, personalize it, and polarize it.”

Triff Personen mit Deiner Kritik, nicht Institutionen. Organisationen reagieren viel schwerfälliger auf Angriffe und geben weniger nach.

Obama

Die Kampagnen von Barack Obama setzten die Regeln des Buches sehr konkret um. Der spätere US-Präsident wurde von persönlichen Schülern Alinskys unterrichtet, darunter Mike Kruglik. Dieser hielt Obama für einen seiner besten Schüler. Als Symbol construction diente Obama vor allem der Claim Change we can believe in sowie Yes, we can. Der Herausforderer vermittelte mit seiner Kampagne die Hoffnung auf Veränderung. Common Enemy war laut Obama die Wall Street. Allerdings besetzte er später zahlreiche Posten seiner Regierung mit Vertretern der US-Finanzelite. Change wurde das zentrale Motiv der Kampagne nach langer Herrschaft der Konservativen unter George W. Bush.

Trump

Die politische Rechte scheute lange Zeit den Umgang mit dem Werk des Kommunisten Alinsky. Spätestens die Kampagne des Milliardärs Donald Trump setzte dann allerdings auf die Prinzipien der Rules for Radicals. Laut dem konservativen Forbes Magazine setzte Trump zwölf der dreizehn Regeln des Buches erfolgreich um. Der Common Enemy, den Trump seinen Wählern präsentierte, war das von ihm so genannte politische Establishment. Tatsächlich setzt Trump alles daran, das Primat der Wirtschaft zu stärken. Als Symbol construction können auch geografische Regionen dienen. Trump rief den Claim America first aus, um bei konservativen Wählern mit nationalistischen Tönen zu punkten.

Das Vermächtnis des Saul Alinksy

Saul David Alinsky wurde am 30. Januar 1909 in Chicago (Illinois, USA) geboren. Der Bürgerrechtler gilt als Wegbereiter des Community Organizing, der Organisation von öffentlichen Interessengruppen. Sein Standardwerk Rules for Radicals verfasste er 1971, ein Jahr vor seinem Tod. Die von ihm begründete Organisation Industrial Areas Foundation (IAF) existiert noch heute. Es gibt mehrere internationale Ableger. In Deutschland zuständig ist Prof. Dr. Leo J. Penta (DICO – Deutsches Institut für Community Organizing). Ob Alinsky mit diesem Institut allerdings glücklich wäre, ist fraglich. Mitglieder des Beirates sind ausschließlich Vertreter der Haves. Möglicherweise wäre er heute ein Vertreter des Transformative Organizing.

Alinsky im Interview (CBS, 1966)