1949. Eine kurze Geschichte der Grünen

Menschen auf der Strasse (und den Schienen und Feldern) gegen Stuttgart21, Ausstieg aus dem Atom-Ausstieg, Castor-Transporte. Soviel Protest war selten. Wie ein behäbiges Fettauge in der wärmenden Hühnerbrühe schwimmen ganz oben die Leitfiguren der Partei Die Grünen mit. Das Handwerk des Agenda Surfing beherrschen sie also. Grün ist en vogue. Schon beginnen sie und ihre Anhänger von “grünen” Länderchefs in Berlin und Baden-Württemberg zu träumen sprechen. Die derzeitige Hamburger Koalition machen ebenso wenig Mut, wie der Rückblick auf das rot-grüne Projekt, welches Kriegseinsätze, Massenarmut und einen ausufernden Niedriglohnsektor hervorgebracht hat.

Ideale sind wie Periskope, mit denen der Mensch über die Oberfläche hinausgeht, um sich anhand der innewohnenden Spiegel ein Bild von der Welt zu machen. Daraus werden dann Handlungen für den Umgang mit der Welt abgeleitet. So weit zu einzelnen Menschen. Organisationen aber trifft häufig der Vorwurf, mit der Umsetzung von Idealen zu werben, und doch nur allzumenschliche Partikularinteressen zu vertreten. Warum also sich wundern über das Links-blinken-und-rechts-fahren der Grünen. Ein Blick in die Vergangenheit kann machmal verstehen helfen.

Die Geschichte der Ökopartei beginnt Ende 1949.

In diesem Jahr entstand unter Führung des ehemaligen stellvertretenden CSU-Vorsitzenden Alfred Haußleiter die DG, die Deutsche Gemeinschaft. Die DG sollte zur Trägerin eines deutschen Sozialismus werden. Erst der Verfassungsschutz hinderte Haußleiter 1952, ein geheimes Zusammengehen mit der verbotenen Sozialistischen Reichspartei (SRP), Nachfolgeorganisation der NSDAP, in die Wege zu leiten. Dennoch wurden zahlreiche Landesverbände der DG von ehemaligen SRP-Mitgliedern dominiert. In der Folge wurden die entsprechenden Teile der Partei als Nachfolgeorganisationen der SRP verboten; die DG verlor sich in der Bedeutungslosigkeit. Zur gleichen Zeit zerfiel übrigens die DRP, die Deutsche Reichspartei in zwei Flügel. Der gemäßigtere nannte sich Deutsche Freiheitspartei, der andere wurde zur NPD.

Zusammen mit dem ehemaligen FDP-Politiker Hermann Schwann gründet Haußleiter 1965 die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD). Mitglieder und Parteivermögen stammten vor allem aus der Deutschen Gemeinschaft, der Deutschen Freiheitspartei sowie der Vereinigung Deutsche Nationalversammlung. Wahlerfolge waren dem deutschtümelnden Sammellager jedoch zunächst nicht beschieden.

Das Aufkommen der Neuen Sozialen Bewegungen bewirkte einen programmatischen Wandel in der Aktionsgemeinschaft. Hatte die Partei eben noch eine „Blut-und-Boden“-Ideologie vertreten, webte Haußleitner nun geschickt ökologische Elemente in das Programm der AUD ein. Spätestens 1977, dem Jahr des Deutschen Herbstes, wetterte Haußleitner gegen die Atomkraft. Im Verlauf des folgenden Jahres war der Strategiewechsel vollzogen: die AUD bezeichnete sich als „erste Umweltpartei Deutschlands“. Überall in der Republik gründeten sich Grüne und Alternative Listen, allen voran in Niedersachsen, Kernland der bundesdeutschen Anti-Atom-Bewegung.

Im Rahmen eines Koordinierungstreffens der Umweltschutzbewegung kommt Alfred Haußleiter mit Herbert Gruhl ins Gespräch. Dieser saß vormals für die CDU im Deutschen Bundestag und hatte 1975 mit seinem Buch “Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik” Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit erregt. Die CDU-Führung hingegen errichtete eine Mauer des Schweigens. Ein CDU-Umweltkonzept, welches unter Gruhls Federführung entstand, wurde von Richard von Weizsäcker weichgespült. Dessen Pressesprecher im Bundespräsidialamt war bis zum Mauerfall übrigens ein gewisser Friedbert Pflüger. Von 1975 an war Herbert Gruhl als Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) tätig. Seine Pläne, den Verband zur Partei umzustrukturieren, stießen auf heftigen Widerstand. Zwei Jahre später verließ er den BUND. Er kehrte 1978 auf Drängen von Helmut Kohl der CDU den Rücken und gründete die Grüne Aktion Zukunft (GAZ). Noch im selben Jahr traten AUD und GAZ als Wahlbündnis zu den bayerischen Landtagswahlen an. Das Bündnis trug den Namen „Die Grünen“.

Um den resultierenden Erfolg bei der Europawahl 1979 zu wiederholen, wurden weitere Organisationen angerufen, etwa der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz um Petra Kelly. Im März 1979 kam es zum Gründungskongress der „Sonstige politische Vereinigung DIE GRÜNEN“. Zu deren Sprechern wurden Herbert Gruhl (GAZ), August Haußleiter (AUD) und Helmut Neddermeyer (GLU) gewählt. Die Spitzenkandidaten für die Europawahl waren Herbert Gruhl, Joseph Beuys, Petra Kelly, Baldur Springmann sowie Carl Amery. Haußleiter gab darüber hinaus mit eigener GmbH die Parteizeitung „Die Grünen“ heraus. Noch 1980 allerdings trat er als Sprecher der Grünen zurück, nachdem rassistische Äußerungen seinerseits aus den fünfziger Jahren in den Medien kolportiert werden. Bis kurz vor seinem Tode saß Haußleiter für die Grünen im Bayerischen Landtag.

Herbert Gruhl blieb bis 1981 Mitglied der Partei. Aus Protest gegen die Öffnung der Partei für linke Strömungen verließ er die Grünen, um 1982 die ÖDP zu gründen. Mit einer bürgerlich-grünen Koalition könnten sich also Kreise schließen, von denen mancher dachte, sie wären längst verblasst.